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RAINER BRESSLER Geliebter / Geliebte 8 Hörspiele (1979 bis 1993) (s. Inhalt >>>)
Die einzelnen in "Geliebter/Geliebte“ veröffentlichten Hörspiele im Medienspiegel
EINE UNMÖGLICHE FREUNDSCHAFT Gelungener Hörspiel-Erstling von Rainer Bressler
Mit Sorgfalt hat sich Radio DRS des Hörspiel-Erstlings von Rainer Bressler (geb. 1945), der bis anhin Kurzgeschichten veröffentlicht hat, angenommen. Nicht nur gab es ihm in der Person von Hans Jedlitschka einen erfahrenen Radio-Regisseur an die Seite, sondern es besetzte auch die einzelnen Rollen dieses Hörspiels mit prominenten Schauspielern wie Ellen Widmann oder etwa Wolfgang Stendar. Rainer Bressler berichtet von einer Freundschaft zwischen zwei Männern, der man die Möglichkeit eines Gelingens zum vornherein absprechen möchte, weil ihr sozialer Status, ihr Lebensziel zu verschieden sind. Die Befürchtungen bestätigen sich: Jamie Lester, der ehrliche und ehrgeizlose Handwerker trennt sich von seinem Freund, dem ambitionierten, ja rücksichtslosen Fabrikanten Tom Garner. Er zieht die Lust, seine kleinen Freiheiten in Natürlichkeit wahren zu können, einer prestigesüchtigen Lebensweise vor. Garner selbst wird - in tragischer Engführung - ein Opfer seiner Machenschaft. Statt Freundschaft droht ihm die Isolation, statt familiärer Harmonie bleibt ihm eine zerrüttete Ehe übrig, und zum Suizid seiner Gattin bemerkt Jamie Lester richtig: "Du bist ihr Mörder!“ So klirrt denn nach diesem Hörspiel nur Scherbenhaufen! Nicht ganz, denn in der Rahmenhandlung lässt R. Bressler eine andere Stimmung, eine andere Perspektive anklingen. Die Witwe Jamie Lesters, im Alter zur Schlummermutter junger Studenten geworden, besieht sich mit ihrem Schützling eine Sportsendung im Fernsehen, wo ein Nachfahre Garners, Phil Garner, sich vergeblich um Lorbeeren in einem Ausscheidungswettkampf müht. Die beiden Zuschauer, der junge Mann und die alte Frau, machen sich darüber ihre eigenen Gedanken, reden oftmals aneinander vorbei und finden schliesslich doch zueinander in einer unspektakulären Annäherung an echte Lebensziele. Was in der Haupthandlung nicht gelingen wollte, die Gemeinsamkeit trotz der Verschiedenheit, das vollzieht sich hier in schöner Selbstverständlichkeit über die Grenzen des Alters und der unterschiedlichen Erfahrung hinweg. Rainer Bressler hat in diesem Hörspiel wichtiges, lebenswichtiges an Einsichten und Folgerungen ins Spiel umgesetzt. Seine Dialoge zeichnen sich durch eine erstaunliche Natürlichkeit aus, und nur hie und da strotzen sie etwas von Lebensweisheit, traben sie gar sentenziös daher; wenn er die alte Frau zum Sprachrohr des besseren Ichs werden lässt. Doch zum Glück nimmt Ellen Widmann dank der ihr angeborenen Natürlichkeit solchen Sätzen wiederum ihre Gedankenschwere, wie denn überhaupt die Schauspieler den Figuren Farbe und Leben geben, allen voran Franziskus Abgottspon als Jamie Lester und Wofgang Stendar als Tom Garner. Gerade das Freundespaar verfällt schon in der Figurenzeichnung Rainer Bresslers nicht der Schwarzweiss-Malerei, wie man argwöhnen mochte, getreu etwa nach dem Muster: Gutmutiger kleiner Mann in der Rolle des Handwerkers, durchtriebener Schurke als Kapitalist und Fabrikant. Vielmehr eignet den beiden unterschiedlichen Freunden eine differenziertere Reaktionsweise, und vor allem Tom Garners Porträt lässt durchaus auch Widersprüche zu.“ Beatrice Eichmann-Leutenegger Vaterland, Luzern, 23. Februar 1981
GARNER UND JAMIE LESTER Um eine "unmögliche Freundschaft“ zwischen zwei allzu verschiedenen Männern geht es im Hörspielerstling von Rainer Bressler. Regie in dem am vergangenen Samstag erstgesendeten, heute zum zweitenmal ausgestrahlten Stück führt Hans Jedlitschka. In den Hauptrollen: Ellen Widmann,Franziskus Abgottspon und Wolfgang Stendar. Der 1945 geborene, aus dem Aargau stammende und heute in Zürich lebende Jurist und kantonale Angestellte Rainer Bressler hat bislang noch kaum etwas veröffentlicht. Sein Hörspiel "Tom Garner und Jamie Lester“ ist also ein echter Erstling. Angesiedelt hat Bressler sein Stück im .“Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, in den. USA - dies, weil er den an sich durchaus auch schweizerischen Stoff nicht auf die Schweiz fixieren wollte und weil das ferne Amerika ein freieres Umgehen mit den Charakteren gestattet: Im Zentrum des Spiels stehen zwei Männer - der erfolgreiche, weil auf Erfolg versessene, skrupellose Unternehmer Garner und der muntere, lebensfrohe Handwerker Jamie Lester. Die beiden, als Schulbuben einst befreundet, treffen sich als Erwachsene und Angehörige verschiedener sozialer Schichten wieder. Die Freundschaft, zunächst neu besiegelt, erweist sich bei den verschiedenen Lebenszielen und Wertvorstellungen der beiden als unmöglich. Eingebettet hat Bressler die Geschichte, die im übrigen nicht nur geographisch, sondern, auch zeitlich fern, nämlich im Jahre 1910, spielt, in eine aktuelle Rahmenhandlung. Die alte Witwe Lester schaut sich mit ihrem Untermieter, einem Studenten, am Fernsehen einen Meisterschaftswettkampf an, für das der junge Enkel Tom Garners die Qualifikation geschafft hat. Nicht aufgrund seiner (wie sich herausstellt: mangelhaften) sportlichen Leistungen, sondern aufgrund des familiären Prestiges. Die Garner-Geschichte wiederholt sich in der dritten Generation. Bressler hat sein erstes Hörspiele mit seinen verschiedenen räumlichen und zeitlichen Ebenen radiogerecht konzipiert, und er führt seine sehr klar (manchmal fast zu klar) definierten Figuren in handfesten Dialogen ein, die zu Anfang, und gegen das Ende hin noch hätten gerafft werden dürfen. Indes: Eine schillernde Charakterstudie lag offensichtlich nicht in der Absicht des Autors, der vielmehr Gegensätze zeigen wollte. Das gelingt, vorab auch in der prominenten Besetzung, sehr wohl.“ Ursula Kägi Tagesanzeiger, Zürich, 27. Februar 1981
TOM GARNER UND JAMIE LESTER Hörstück von Rainer Bressler "Portrait einer unmöglichen Freundschaft“ nennt der 1945 in Windisch AG geborene Autor im Untertitel sein von Hans Jedlitschka realisiertes hördramatisches Erstlingswerk. Es fesselt, unterhält und überzeugt durch die Wahrhaftigkeit seiner gleichnishaften, überzeitlichen Aussage; es beeindruckt durch seine Klar- und Ausgewogenheit sowohl im Blick auf die gewählte Form, die Dramaturgie als auch auf den Inhalt der erzählten Geschichte: Episches Theater, sich ergehend auf zwei ineinandergefügten Ebenen an zwei Orten zu zwei Zeiten: die Kunst des Nebeneinanderher- und Aneinandervorbeiredens, Hintergründiges hinter Vordergründigem, Eigentliches hinter Verlogenem, Tatsächliches hinter Fassadenhaftem, Bedeutsames hinter Banalem, Beispielhaftes hinter Einmaligem. Wenn das Ungeheuerliche möglicherweise einherschreitet im Gewande der Unschuld, bleibt die Wahrheit verhüllt und verborgen. Wie im einzelnen sich alles wirklich verhielt, erweist sich häufig als unwesentlich, bleibt offen und der Phantasie anheimgestellt. Tom Garner und Jamie Lester, die beiden idealtypisch gesehenen Titelgestalten von sozial recht verschiedener Abkunft, von diametral entgegengesetzter Charakterveranlagung und Weltanschauung, waren während ihrer Schul- und Jugendzeit miteinander aufgewachsen und befreundet. Nun hatte sie der Zufall nach 20 Jahren wiederum zusammengeführt: Tom, den dritten in der Reihe der reichen, angesehenen Unternehmerdynastie der Garner, ein Mensch von bester Bildung und Erziehung, und Jamie Lester, den Zimmermann, ein auf sein handwerkliches Können zu Recht stolzer Naturbursche. Sein Dasein hatte er auf Lust und Liebe gestellt und auf seine geschickten Hände. Der intellektuelle, berechnende Manager und der heitere, sinnesfreudige Mann aus dem Volke, sie waren sich erneut nahegekommen, hatten die alte Freundschaft erneuert. Sie hatten einander nicht nur viel zu sagen, sondern auch zu geben. Tom deckt Jamie mit Aufträgen ein und erwartet, sich mit seiner Hilfe in der Gegend besser einleben und seine um des guten Rufes willen argwöhnisch überwachte Frau besser bespitzeln zu können. Jenem geht es darum, im Ringen mit der Konkurrenz stets der Beste zu sein, Spitzenleistungen zu erzielen, Image-Pflege zu treiben durch vorbildliche Haltung, Sympathien zu wecken durch Gefällig- und Aufmerksamkeiten. Denn so sichert man sich die grossen Aufträge, schafft man Arbeitsplätze, erzielt man Gewinne. Sein Freund hingegen, ein Mensch von Herz und Gemüt, ist vollauf zufrieden, wenn er sich im Schosse seiner beglückten Familie glücklich weiss und geborgen. Der Fabrikboss verfährt mit den Menschen wie mit den Maschinen: Sie müssen zweckdienlich, angepasst und in Ordnung sein. Sonst werden sie abgeschrieben und weggeworfen. Er wird zum Unmenschen, indem er aus lauter Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein unmenschliche Anforderungen stellt, gleichermassen an sich selbst wie an seine Mitmenschen. Der Gegensatz zwischen den beiden Partnern übersteigt das für eine Freundschaft erträgliche Mass. So ist sie verurteilt zum Scheitern. Heinz Appenzeller Aargauer Tagblatt, Aarau, 21. Februar 1981
SPIEGEL MENSCHLICHEN DASEINS DRS: Hörkomödie "Morgenkonzert“ von Rainer Bressler Der 1945 in Windisch geborene Jurist und Autor des in seiner klassischen Klarheit und Strenge der Formgebung an die antike griechische Tragödie gemahnenden vor zwei Jahren ausgestrahlten Hördramas "Tom Garner und Jamie Lester“ wartet am Donnerstag, 24. März, um 16.05 Uhr, und am Dienstag, 29. März, um 19.30 Uhr (jeweils DRS 1) mit einem weiteren hördramatischen Werk auf: mit der Komödie "Morgenkonzert“. Eine Komödie im eigentlichen, im umgreifenden Sinne, im Sinne einer Spiegelung menschlichen Daseins, einer conditio humana, im Sinne von Dantes Divina Commedia, von Balzacs "Comédie humaine“. Eine surrealistische Farce, nicht grobschlächtig gehalten, sondern schwungvoll hingeworfen mit lockerer Hand, nicht ohne Tiefgang, kongenial in Szene gesetzt von Walter Baumgartner. In der Rolle der Melanie versteht es die junge Schauspielerin Anke Schubert, das spontane Umschlagen der Gefühle von einem Extrem ins andere, von Liebe in Hass mit komödiantischer Bravour temperamentvoll zum Ausdruck zu bringen. Ein sehr theatralischer, ein barocker Text; poetische Dramatik, grotesk, burlesk, clownesk, kafkaesk. Bezeichnet der Gestalter sein erstes Hörstück im Untertitel als "Porträt einer unmöglichen Freundschaft“, so geht es im neuen um eine schwierige Brautschaft. Sie scheint zum .Scheitern verurteilt; doch auch sie führt wie nur allzu häufig in solchen Fällen allen Bedenken zum zwiefachen Jawort. Die von der Mutter des Bräutigams ins Spiel gebrachte, klischeehafte Vorstellung vom Hochzeitstag als dem "schönsten Tag des Lebens“ wird durch das explosive Verhalten der Brautleute ad absurdum geführt. So sehr sich vor allem die Mutter (Valerie Steinmann), aber auch Melanie, die Braut, um das Zustandekommen der Heirat bemühen, Steff, der Bräutigam (Giovanni Früh), ist und bleibt ein verstockter Bock. Erst als Karl (Peter Kner), der erkorene Trauzeuge, Steff, seinem besten Freund, die Braut kurz vor der Trauung wegzuschnappen droht, macht der Verlobte endlich Schluss mit seinem hinhaltenden Possenspiel, das bereits allen Beteiligten gründlich auf die Nerven geht, willigt er endlich und endgültig ein. Ihre Eigenart und besondere Qualität bezieht die Hörgestaltung von der originellen, kunstvollen Dramaturgie her: Das Geschehen wechselt vom Erleben zweier Traumszenen über den Zustand des Wachtraums und Halbschlafs zur Wirklichkeit hinüber. In den Träumen sieht sich Steff, die Hauptfigur; einmal als Anführer, als Held und Erretter auf einem Schiff mit kostbarer Ladung, das andere Mal als schöne Leiche anlässlich seines eigenen Begräbnisses inmitten seiner Lieben, der trauernden Hinterbliebenen. Steffs Gespalten- und Unentschlossenheit, sein ambivalentes Wesen wird dadurch dramaturgisch hervorgekehrt und zur Darstellung gebracht, dass der langsam Erwachende beim monologisierenden Vorsichhinphilosophieren mit drei Zungen redet. Gedankenfetzen stellen sich ein; Erinnerungsbilder tauchen auf, eingeblendet zwischen die Selbstgespräche. So entsinnt er sich unter anderem des Treibens auf dem Rummelplatz, dem metaphorisch als Tummelplatz des Lebens zu begreifenden Jahrmarkt der Eitelkeit. Heinz Appenzeller Neue Zürcher Nachrichten, 17. März 1983 / kolorit Nr. 12/66
POLTERMORGENKONZERT Gegen zwanzigmal muss er's hören, sagt er es sich voller Ingrimm mitunter auch selbst: "Das ist der schönste Tag deines Lebens!“ Die Mutter vor allem ist es, die sein Leben und damit sein Denken und Fühlen fest im Griff hat, sie flötet es ihm vor, zuckersüss und drohend. Und er liegt da am Morgen seines Hochzeitstages im Bett, in und an seinem Kopf die Folgen des Polterabends spürend: ein Sohn, der sich weigert, zum Ehemann zu werden. Für diese Weigerung scheint es allerdings auch einen guten Grund zu geben. Melanie heisst er, ganz genau gleich wie seine Zukünftige. Denn Melanie scheint in der Tat eine fatale Ähnlichkeit mit seiner Mutter aufzuweisen. Da liegt er nun also in seinem Bett, den Schädel brummend vor Kater und. Nachdenken. Ein "Morgenkonzert“ nennt Rainer Bressler sein zweites Hörspiel, das er im Auftrag der Hörspielredaktion von Radio Zürich geschrieben hat. An seinem Erstling, "Tom Garner und Jamie Lester“, unter der Regie von Hans Jedlitschka vor zwei Jahren ausgestrahlt, war vor allem die grosse Mühe auffallend gewesen, die der Autor an das gewählt-gepflegte sprachliche Äussere des Textes gewandt hatte, und der merkwürdige Einfall, dieses ziemlich blutleere "Porträt einer unmöglichen Freundschaft“ in ein vage bleibendes Nordamerika der Vergangenheit zu verlegen. Ähnlich geht es einem vor dieser neuen Produktion. Wiederum glaubt man, die Anstrengung zu sehen, mit der hier Satz um Satz gewissenhaft montiert, poliert und mit dem vorhergehenden verschraubt wurde. Am Schluss steht, dann die Konstruktion zwar durchaus fertig da. Aber man weiss nicht so recht, ob sie nun etwas tragen oder transportieren soll oder ob etwa, der Sinn des Ganzen einfach darin zu liegen habe, diesem nach einer recht simplen Gebrauchsanweisung gefertigten Zusammensetzspiel zuzusehen. Nicht ganz bewältigt scheint in "Morgenkonzert“ nicht nur die satirisch-burleske Be handlung - die dem Thema, alter Schwanktradition gemäss, entspräche -, sondern auch die explizit psychologisierende Begründung. Der Held liegt im Bett und träumt. Von Seeräubern und wildem Kampf, dazu Orchestermusik wie im Hollywoodfilm. Nur als irgendwie erregend will sich diese Szene dem Hörer nicht vermitteln. Ungewiss ist jedoch, ob diese matte Wirkung von Autor und Regie (Walter Baumgartner) beabsichtigt ist, um die schlaffe Entscheidungslosigkeit der Figur von allem Anfang an spürbar werden zu lassen, oder ob die gepützelten Dialoge, die da im Angesicht des Kampfes mit den Piraten gesprochen werden, "realistisch“ wirken wollen. Innere Stimmen, sein anderes Ich, setzen dem Helden zu. Wie tot kommt er sich vor, er erkennt, dass seine Triebe abgestorben sind, ja dass er ja überhaupt, nie irgendwelche Triebe gehabt, auf dieser Welt nie etwas bewirkt hat und nicht weiss, was er will. Doch, jetzt weiss er es: Triebe will er spüren, nicht aufstehen müssen, zurück in seinen Seeräubertraum dürfen, Nur nicht heiraten müssen! Doch da ist, neben Melanie, seiner Braut, ja auch noch die Mutter, die ihm, ungeachtet seines Protests, den obersten Hemdenknopf schliesst und ihm - in bezug auf Krawatten - versichert, dass er schon immer einen schlechten Geschmack gehabt habe. Er verteidigt seinen Widerstand gegen diese Heirat, bis sein Freund und Trauzeuge die Braut will. Da wird Opposition in ihm wach. Musik, Harfenklänge, ihre Stimme, seine Stimme (mit Hall): "Ja, ich will!“ Eine nette Pointe ist dann, wie jetzt die Mutter (Valerie Steinmann) sagt: "Das ist der schönste Tag seines Lebens!“ Amüsant ist auch die Szene, wo sich Mutter und Braut (eine erfrischende Anke Schubert) über seinen Fall verständigen und sich dabei mit "Madame“ und "Mylady“ titulieren. Giovanni Früh ist dort am besten, wo er mit einiger Selbstironie sagen kann: "Mama, wir brauchen dich. Sag deinen Satz!“ Christoph Egger Neue Zürcher Zeitung, 26./27. März 1983
FOLGEN SIE MIR, MADAME! Eine Romanze mit Witz ist dieses Hörspiel von Rainer Bressler. Mit Lola Müthel und Hans Caninenberg. Regie: Walter Baumgartner Eine versponnene Geschichte hat sich Rainer Bressler da ausgedacht, und er bringt sie in seinem Hörspiel in einem bemerkenswerten Dialog: Madame und Monsieur treffen sich im Bierausschank eines Bahnhofs und kommen miteinander ins Gespräch. Nicht in irgendein Gespräch, sondern in stilvolles Gespräch, in dessen Verlauf es Monsieur gelingt, Madame von seiner Ehrbarkeit zu überzeugen. Das ist insofern nicht unwichtig, als Madame in unzähligen papierenen Tragtaschen Besitztümer mit sich herumschleppt, die durchwegs auch Stil haben. So ziehen die beiden dann los. Monsieur ist Madame mit den Tragtaschen, Madame ist Monsieur im Autogetümmel verkehrsreicher Plätze behilflich, so dass das Paar unversehrt in der teppichgedämpften Halle eines selbstverständlich auch stilvollen Hotels landet. Und stilvoll geht's da dann zunächst weiter, bis, ja bis das Stillose in der Figur des Geranten in die Geschichte einbricht. Ein Banause, dieser Gerant, aber er hat die Macht und die Mittel, sich durchzusetzen bzw. Madame und Monsieur polizeilich hinauszuwerfen. Allzu tief ist der Sturz freilich nicht. Madame und Monsieur verlieren ihren Stil auch im Ungemach nicht, ziehen sich elegant aus der Affäre. Happy End: "Happy End“? Diesfalls ein vulgärer Ausdruck. So gewöhnlich sind Madame und Monsieur ja nun wirklich nicht. In der gestelzt-erhabenen Sprachebene, in der sich Rainer Bresslers närrische Stadtstreicher-Figuren bewegen, hat das Stück Charme. Walter Baumgartner hat es hübsch "intoniert“, mit viel akustischer Ambiance. Diese gibt dem Ganzen einen realistischen Anstrich, der zum überhöhten Kunst-Dialog (den Lola Müthel und Hans Caninenberg mit angemessener Grandezza durchspielen) in grotesk-witzigem Gegensatz steht. Ursula Kägi Tasgesanzeiger, Zürich, vom 10. Mai 1985
AUCH EINE LIEBESGESCHICHTE "Mit "Folgen Sie mir, Madame“ legte Autor und Jurist Rainer Bressler sein drittes Hörspiel vor (Regie: Walter Baumgartner). "Folgen Sie mir, Madame“ ist, wie es sich für den Wonnemonat Mai geziemt, eine Liebesgeschichte, eine nicht alltägliche, eine verwirrende und faszinierende Liebesgeschichte - und noch mehr. "Eine akustische Kolportage mit Happyend“ nennt der Autor seine Geschichte, die nicht bloss liebenswürdig-komödiantisch zu verstehen ist, sondern auf feine und hintergründige Art unser Verhalten gegenüber Aussenseitern aufdeckt, indem sie es karikiert. Doch der Reihe nach. Es beginnt in der "Bierquelle“ im Hauptbahnhof. Da begegnen sich zwei kuriose Gestalten: eine mit acht Taschen beladene Dame und ein zerlumpter, aber vornehmer Herr. Beide sind schon sehr alt: Rosa stammt aus dem Rokoko, Wendel aus dem deutschen Empire. Sie wohnen im nahen Landesmuseum, wo sie sich während der Besuchszeiten hinter den Gardinen verborgen halten. Nun hat sie der Zufall zusammengeführt. Wendel gelingt es, mit Witz, Charme und Beredsamkeit die misstrauische Rose an sich zu fesseln. Zusammen machen sie sich auf in die Stadt und geraten mitten in den Verkehr. Da erregen die beiden Unzeitgemässen bald einmal Aufsehen, die Polizei wird alarmiert, nimmt die beiden mit. Aus Mitgefühl ("Arme Teufel, nicht jeder hat das Glück, in senkrechte, bodenständige Verhältnisse hinein geboren zu werden“) und aus purer Bequemlichkeit lassen die Polizisten das seltsame Paar wieder laufen. Rose und Wendel kehren in ihre Gemächer im Landesmuseum zurück. Die Welt hat ihnen nichts anhaben können. Und für den Hörer ist es tröstlich und erfreulich, wie sich die beiden Alten zusammenraufen, sich in einer Zeit behaupten, in die sie eigentlich gar nicht gehören. Wie man es als Aussenseiter schafft, sich zu behaupten? Wendels ureigenes Rezept: "Der grösste Lebenskünstler muss irgendwo ein Gauner, wenn auch ein liebenswerter sein.“ JM Badener Tagblatt, 18. Mai 1985
RAINER BRESSLER: FOLGEN SIE MIR, MADAME "Es beginnt in der "Bierquelle“ des Hauptbahnhofs. Dort begegnen sich zwei kuriose, vertrackte Gestalten: ein alter Mann und eine alte Frau. Zwei Figuren, wie entsprungen aus einer anderen Epoche, einer anderen Zeit, einer anderen Gesellschaft. "Eine akustische Kolportage mit Happy End, aus unserer Zeit“ so nennt der Autor, der in Zürich ansässige Jurist Rainer Bressler, seine skurrile Geschichte. Unter der Regie von Walter Baumgartner wird sie am Dienstag, dem 14. Mai um 20.15 Uhr und am Samstag, dem 18. Mai um 10.00 Uhr von Radio DRS 2 ausgestrahlt. Tatsächlich stammen Rose (Lola Müthel) und Wendel (Hans Caninenberg) aus den Gemächern des nahen Landesmuseums, wo sie sich während der Besuchszeiten hinter den Gardinen verborgen halten. Nun hat sie der Zufall zusammengeführt. Und dem alten Clochard gelingt es, mit Beredsamkeit, mit Witz und Charme die misstrauische Dame an sich zu fesseln und mit sich fort zu reissen. Draussen im Gewühl der Strassen aber droht die Gefährdung durch den modernen Verkehr. Und wenn man sich nicht ganz zeitgemäss verhält, sich nicht anzupassen weiss, so läuft man Gefahr, das Opfer der Polizei zu werden. Ein Anruf von irgendeiner Seite - in unserer Geschichte vom Chef de Service - genügt, und schon ist sie da. Doch in unserem Fall zeigen sich die beiden Polizisten sehr menschlich: "Arme Teufel; nicht jeder hat das Glück. in senkrechte, bodenständige Verhältnisse hineingeboren zu werden.“ Sie verzichten darauf, den Inhalt der acht Taschen der sonderbaren Alten zu durchsuchen, so dass es Rose sowie Wendel gelingt, sich in ihre rettenden kurfürstlichen - kammerherrlichen Gemächer zurückzuziehen. Eine Geschichte, gewoben aus jenem Stoff, aus dem die Träume gefertigt sind. Dem Ablauf der Handlung, der gewählt-gezierten Sprache, eignet etwas Operettenhaftes an, etwas Gespielt-Verspieltes. Wendel befleissigt sich eines höflich-ironischen Tones, einer eleganten Ausdrucksweise, während Rose sich vorwiegend in aggressiv-ironischen, stellenweise sogar etwas ordinären Sprache ergeht. Wendel hat sich seine eigene Philosophie zurechtgelegt, wohl um in dieser materialistischen Welt ohne inneren Schaden davonzukommen. Allerdings: Bei seiner Eloquenz, seinem versierten Gehaben glaubt man ihm den Clochard nicht ohne weiteres. Man kann das etwa 50 Minuten dauernde Hörspiel - es ist das dritte des Autors - einfach als liebenswürdige Komödie betrachten. als ein Stück Romantik; immerhin ist die dann enthaltene Gesellschaftskritik nicht zu verkennen. Die beiden Alten versuchen auf ihre Weise mit den Härten des Alltags fertig zu werden: Sie erfreuen sich an Kleinigkeiten, philosophieren mit Amadeus (Thomas Lang), dem Kellner, über den Sinn des Lebens. Er, der fröhliche Junge, zeigt für sie viel Verständnis. Er begreift, dass die Umwelt diese beiden harmlosen Alten nach dem Schein beurteilt, und nicht nach dem Sein, nach dem Herzen. Rose, die Wendel für einen Gauner gehalten, muss am Ende doch zugeben, dass er in Wirklichkeit "der letzte Gentleman“ ist. Der Dichter aber gibt dem Hörer zu bedenken: "Der grösste Lebenskünstler muss irgendwo ein Gauner, wenn auch ein liebenswerter sein. " Heinz Appenzeller Der Landbote, 3. Mai 1985 / Luzerner Neuste Nachrichten, 15. Mai 1985 / Solothurner AZ, 14. Mai 1985
AUFRUHR IN ZÜRICH Hörspiel von Rainer Bressler
Schauplatz dieser Auftragsarbeit ist die Stadt Zürich. Sie handelt von einem Menschen und von einer Stadt, die sich beide letztlich behaupten. Eine erfundene Geschichte aus den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts, ein Märchen mit wahrem Kern. Radio DRS 2 bringt es unter Walter Baumgartners Leitung am Dienstag, den 18. März, um 20.15 Uhr und am Samstag, den 22. März um 10.00 Uhr. Rainer Bressler, der Zürcher Autor und Jurist, wählte als sehr frei gehandhabte Form den Prozess. Wir hören ein Vorspiel samt Prolog, zum Teil in Versform, gefolgt von einem imaginären Prozess mit Klage, Klage-Antwort, Replik, Duplik, mit einem Nachspiel und einem Epilog. In den als Prozessteile bezeichneten Szenen finden Gespräche statt, zumeist zwischen der Hauptperson Johann Heinrich Füssli (André Jung) und seinem Gegenspieler Escher (Thomas Stuckenschmidt). Ein Weibsbild bringt eine kleine Welt durcheinander: es ist Phoebe Zeitgeist (Eva Scheurer), die in Menschengestalt erscheint, "ein Traum von einer Frau - Traum eines jeden Mannes“. Begehrt wird sie sowohl von Escher, einem Mann von Welt, als auch vom jungen Theologen Füssli. Ihren Streit soll ein imaginärer Prozess entscheiden. Als Richter wird kein Geringerer herbeizitiert als Johann Wolfgang von Goethe aus Weimar (Horst Warning). Zusammen mit Phoebe Zeitgeist kommentiert, kritisiert, glossiert er das Geschehen. Zwei Verlaufssträhnen werden nebeneinander vorangetrieben: Einerseits das Streitgesprach um Phoebe ("die Strahlende“), anderseits werden die Stationen aufgezeigt, die zum Aufruhr gegen den unbeliebten Landvogt Grebel führten. Die jungen Leute langweilen Goethe, da sie nicht bei dem ihn einzig interessierenden Thema der Liebe zu der verführerischen Schönen bleiben: "Grünschnäbel alle beide; keiner bekommt sie.“ Warum dann aber der Prozess? Phoebes lachende Antwort: "Schall und Rauch!“ Reine Imagination. Das Nachspiel hebt an in Prof. Bodmers (Erwin Parker) Stube: "Es soll alles seinen Lauf nehmen.“ Es stellt sich heraus, dass sowohl Escher als auch Füssli ihre intime Begegnung mit Phoebe hatten, bevor diese der Stadt den Rücken kehrte. "So löst sich alles in Minne auf.“ Escher, der Angepasste, der Diplomat. plant seine Zukunft. Sein Rat an Freund Füssli: Nie die Notwendigkeit der Machtigen in Frage stellen. "Bist du jünger als der Mächtige, arbeitet die Zeit für dich, und alles wird dir gehören.“ Füssli jedoch, den freien Geist, beschäftigen die politischen und sozialen Zustande seiner Stadt, vor allem das wüste, das Volk aussaugende Treiben Grebels. Er sinnt auf Abhilfe. Zusammen mit seinem Freund Hess (Erwin Leimbacher) verfasst er ein anonymes Traktat, dem Erfolg beschieden: Grebel flieht, das Volk atmet auf. Doch die beiden jungen Freunde erwartet kein Dank: Sie werden von den Ratsherren ins Exil geschickt. Für Füssli, den später berühmten Maler (1741-1825) ein Glücksfall: Er verzichtet auf die Theologie, um fortan zu schreiben, zu zeichnen und zu malen. Historisch ist, dass er nie wieder in seine Vaterstadt zurückkehrte. Im Zürcher Kunsthaus, wo die Schlussszene, der Epilog 1986 stattfindet, bewundert eine Reisegruppe sein bekanntes Bild "Titania liebkos Zettel mit dem Eselskopf“... Die Vorgänge, offensichtlich eine Parodie auf die Zürcher Jugendunruhen, als Märchen spielerisch dargeboten; mit Ironie, schöngeistigen, zum Teil pathetischen Reden, literarischen und politischen Anspielungen. Ein Stück Gesellschaftskritik, wenn schon verhalten aufgetischt.“ Heinz Appenzeller Der Landbote, 15. März 1986 / Luzerner Neueste Nachrichten, 18. März 1986 / Neue Zücher Nachrichten, 21. März 1986
"AUFRUHR IN ZÜRICH“ - EIN SCHERZ? Man liest den kurzen Hinweis in der Hörspielbroschüre von Radio DRS und ist - interessiert. "Erzählt wird“, heisst es da mit Bezug auf Rainer Bresslers Hörspiel "Aufruhr in Zürich“, "eine kleine Begebenheit aus dem Zürich von 1762: Der Zürcher Maler Johann Heinrich Füssli (1741 bis 1825) muss Zürich verlassen, weil er sich gegen den korrupten Landvogt von Grüningen, Grebel, zur Wehr setzt - dies, obwohl Grebel flieht und die Bevölkerung aufatmet. Füssli, der bis dahin Prediger war, geht ins Ausland und wird schliesslich Maler - ein berühmter Maler in London. Heute hängen (sic!) viele seiner Bilder im Kunsthaus Zürich.“ Ein historischer Vorfall also, wohl nur den wenigsten geläufig, mit beträchtlichen Folgen für die Biographie seines wichtigsten Protagonisten, ein Paradebeispiel auch für das Verhältnis einer Stadt zu einem ihrer nachmals berühmt gewordenen Söhne - etwas in der Art zu hören zu bekommen, durfte man wohl gewärtigen. Nicht so bei Rainer Bressler. Ein "Sprecher“ (Erwin Geisler) sagt zwar einleitend, dass es sich hier um ein "Märchen“ handle "über einen Menschen, der sich - trotz allem - behauptet, und über eine Stadt, die sich - trotz allem - ebenfalls behauptet... Kurzum: eine zusammenfabulierte Geschichte um einen wahren Kern, produziert vermittels Wellen, die alles durch- und so bis zu Ihrem Ohr vordringen ...“ Zusammenfabuliert. Wir mögen dem Autor nicht widersprechen, höchstens unser Bedauern darüber ausdrücken, dass ein so dankbarer Stoff derart zum blossen Wortgetändel ohne erkennbaren Sinn und Zweck verkommen musste. Davon, dass sich hier ein Mensch und eine Stadt "behaupteten“, ist nichts zu erkennen, und leere Behauptung bleibt auch die Ankündigung des Sprechers: "Wir werden der Geschichte den Prozess machen!“ Die "Begründung“ Phoebe Zeitgeists (Eva Scheurer): "weil Geschichte ein Prozess und jeder Prozess eine Geschichte ist“, klingt freilich nicht gerade verheissungsvoll. Als "imaginären Prozess“ bezeichnet Rainer Bressler seinen Text, "mit Klage, Klageantwort, Pause, Replik, Duplik und allem, was dazugehört“, gefolgt von einem "schönen Nachspiel und sogar von einem Epilog“. Diese Struktur bleibt jedoch weitgehend Fassadenwerk, ohne wirklich gliedernde, ordnende und erkenntnisbefördernde Funktion. Man könnte sich nun fragen, da der Prozess eigentlich im Jahr 1762 selbst angelegt scheint (letztlich bleibt das alles ebenso belang- wie folgenlos), weshalb der zu diesem Zeitpunkt 13jährige Goethe als "berühmter Jurist aus dem fernen Weimar“ daran teilnimmt. Aber was soll's? Der Autor glaubt, sich exkulpiert zu haben von jeder Verpflichtung auf Wahrscheinlichkeit - auch im Unwahrscheinlichen - durch den praktischen Hinweis, sein Text sei "immer und überall spielend im Reiche der Phantasie, dort aber in Zürich angesiedelt“. Im Reich der Phantasie angesiedelt war bereits der 1981 ausgestrahlte Erstling des 1945 geborenen Rainer Bressler, "Tom Garner und Jamie Lester“, das ziemlich blutleere "Porträt einer unmöglichen Freundschaft“ in einem vage bleibenden Nordamerika der Vergangenheit. Und vergangenen Zeiten anzugehören schienen die Personen von "Morgenkonzert“ (1983) und "Folgen Sie mir, Madame!“ (1985) beziehungsweise deren Dialoge. Während aber der ermüdend umständlich-gewählte Konversationston in letzterem immerhin eine Pointe freigibt, als sich herausstellt, dass die anmutig parlierenden Herrschaften Stadtstreicher zu sein belieben, scheint sich Bressler vor den Ansprüchen eines tatsächlichen und nicht nur imaginierten 18. Jahrhunderts nur noch mit der Voltige in eine sprachlich derb-verderbte Gegenwart retten zu können. Denn sonst kann ihm leicht geschehen, was im Hörspiel der alte Bodmer (Erwin Parker) dem selbstgefälligen Escher (Thomas Stuckenschmidt) vorwirft: "Ihre Sentenzen schliessen meist mit einem Schnörkel, der Besitz anklingt.“ (?) Misstrauisch stimmt auch, wenn Phoebe Zeitgeist - der Comic-Strip-Figur nachempfunden? - fordert: "Auditur (sic!) et altera pars !“ Überflüssig zu sagen, dass Füssli (André Jung) ebenso blass bleibt wie alle Nebenfiguren? Weder er noch Felix Hess (Erwin Leimbacher) gewinnen Profil als Verfasser des Pamphlets "Der ungerechte Landvogt oder Klagen eines Patrioten“. Und von der Wirkung des jungen Predigers Füssli wird man sich jedenfalls keine Vorstellung machen können. Walter Baumgartner hat die Tändelei mit Sorgfalt im akustischen Detail inszeniert und lässt die Schauspieler im übrigen so geziert sprechen und agieren, wie es dem Text wohl angemessen ist, der als Beitrag zum Jubiläum "2000 Jahre Zürich“ als Auftragsarbeit von Radio DRS entstand.“ Christoph Egger Neue Zürcher Zeitung, 20. März 1986
SINNLICHES HÖRVERGNÜGEN AUS DEN "ROARING TWENTIES" Eine "charmante Verführerin“ und eine "neugierige Geniesserin“, ein form- und standesbewusster Offizier sowie ein "Neuer Mann“ sind die Personen eines mit gutem psychologischem Gespür gestalteten Hörspiels, das heute erstmals ausgestrahlt wird. Zwei Engländerinnen in Paris proben den Aufstand gegen Konventionen und traditionelle Moralvorstellungen. Ungestüm sind sie auf- und ausgebrochen aus der besten englischen Gesellschaft. Paris ist Zwischenstation, Griechenland ihr eigentliches Ziel. In Arkadien wollen sie ihre Vorstellungen vom Zusammenleben und sich selbst verwirklichen. Auf den zweiten Blick zeigt sich, wie verschieden Violet (Susanne Tremper) - sensibel und überspannt - und Vita (Eva Scheurer) - lebenstüchtig und selbstbewusst - sind: "zwei Welten, die sich nicht berühren“. Bereits ziehen Gewitterwolken am strahlend blauen Himmel auf. Die Ehemanner sind den "flüchtigen Wildkatzen“ dicht auf den Fersen, um sie zur Raison zu bringen. Auch die Männer bilden ein ungleiches Paar, eine Art Zwangsverwandtschaft zwischen Denys (Rainer Zur Linde), dem knochensteifen englischen Offizier und Verfechter von Law and Order, und Harold (Klaus Henner Russius), dem menschlichen Antihelden und Vertreter des "Neuen Mannes“. Das Hörspiel "Geliebter / Geliebte“ beruht auf einem authentischen Skandal. 1919 flohen die aus der englischen Aristokratie stammenden Schriftstellerinnen Vita Sackville-West und Violet Trefusis nach Paris. Virginia Woolf, die beide persönlich kannte, verarbeitete ihre Geschichte im Roman "Orlando“. Das Stück hat drei Szenen, chronologisch zuerst das weibliche Paar, darauf das männliche, und in der Schlussszene wird gemischtes Doppel gespielt. Am Ende bleibt das eine Paar im Exil, den formvollendeten Schein wahrend, das andere führt die alte Beziehung weiter, aber unter neuen Voraussetzungen. Es ist ein sprachgewandtes Spiel, amüsant, spleenig, mit feiner Ironie und gelegentlich komischem Beziehungsgeplänkel, hintergründig und sogar - ein grosses Wort - ein bisschen tragisch. "Unsere Expedition ist gescheitert“, sagt Violet. Sie, die Verführerin, ist die Verliererin. Psychologisch einfühlsame Dialoge enthüllen eine verblüffende Kongruenz der Paare - Violet bekommt Migräne, Denys hat Kopfschmerzen, es gibt eben Dinge, von denen man nicht spricht. "Geliebter/Geliebte“ ist in der Regie von Walter Baumgartner ein sinnliches Hörvergnügen. Cole Porter-Melodien, es rauscht, als spielte sie ein alter Grammophonapparat mit Riesentrichter, vermitteln die Atmosphäre der Roaring Twenties.“ Zum Artikel von Kathrin Straub in der LNN. Der gleiche Artikel ist auch in "Der Bund, Bern, am 12. Mai" erschienen.
DIE WELT IM SCHWEIZER HÖRSPIEL: QUERSCHNITTE "...Bleibt Bressler, ein Aussenseiter, ein vergnügter Spieler. Geliebter/Geliebte erzählt von Vita Sackville-West und Harold, von Violet und Denys. Wer käme auf die Idee, bei Schweizer Autoren Eleganz zu suchen? Bressler entwickelt unglaubliche Suada - seine Violet lacht, erinnert vergnügt an das alte Spiel, das sie gespielt haben als Kinder - Geliebte / Geliebter - ohne zu wissen, was es ist - heute wissen sie es und heute wäre es wieder reizvoll. Bressler erzählt mit hauchfeiner Erotik, das ist wie Anouilh, das alte Verwechselspiel, du bist Orlando, nein Mortimer, nein Harold, nein Vita, da ist Temperament und Leidenschaft und Vitalität und Leichtsinn - verwöhnt, kultiviert und komisch. Das ist durchaus witzig, es ist schnell, es kriegt ein paar Probleme hart in den Griff, es hat ein sportives Element. Und, nicht zuletzt, einen gewissen Haut gout. Irgendwie mag ich das!“
Ausschnitt aus: "Einleitung zu einer Hörspielantologie" von Reinhardt Stumm
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